Die 7 Todsünden
7 Mobile Installationen

Einführung zur Ausstellungseröffnung am 3. Mai 2019

Von Jan-Christoph Tonigs

Sieben Sünden. Sieben mobile Installationen.
Das heißt: Sieben Anhänger, made in Germany.
Das passt, mit Todsünden haben wir Erfahrung.

Auf den Anhängern identische Aufbauten, Raum für die Sünde, Raum für Gestaltung. Es sind Ein-Mensch-Räume, vier Wände, Fußboden und ein Dach, eine Minimaldefinition von Raum, in dem sich eine Person aufrecht stehend aufhalten kann. Ein Wachunterstand, Jagdhütte, Umkleidekabine, Dixiklo oder Beichtstuhl auf Rädern. In der Sünde stehen wir allein, wir allein tragen dafür die Verantwortung. Unsere Todsünden können wir nicht jemand anderem in die Schuhe schieben. Wir können sie auch nicht von jemand anderem sühnen lassen. Zwar müssen wir unsere Taten rechtfertigen vor anderen, vor Gott oder vor Gericht, wir müssen uns der Strafe aussetzen, die dafür vorgesehen ist, aber am Ende müssen wir unsere Verfehlungen vor allem mit uns selbst ausmachen und vielleicht ist gerade das die Hölle, zu der die Todsünden uns verdammen. Für die schlimmsten aller Sünden gibt es keine Kollektivschuld, die uns in Sippenhaft nimmt, es fällt alles auf uns selbst zurück. Wir können uns nicht hinter einem solchen Kollektiv verstecken, beispielsweise einen Massenmord sei es im KZ, in asiatischen Textilfabriken oder auf dem Mittelmeer auf die Masse abwälzen. Letztendlich stehen wir als Individuum da, mit unserer Gier, unserem Wüten, unserer Gleichgültigkeit. Sieben Sünden. Sieben Künstler*innen, denen per Los eine der Sünden zur Gestaltung zugeordnet wurde. Sieben Perspektiven auf ein urmenschlich-unmenschliches Phänomen, auf den Sünder, den moralischen Versager, dem Höllenfeuer-geweihten Menschen.

Nummer 1: Superbia – Hochmut.
Hier fiel das Los auf Stefan Demming.

Superbia ist sozusagen die S-Klasse unter den Todsünden, eine schwarze Limousine mit getönten Scheiben. Hochmut und Arroganz sind vor allem die Verweigerung von Kommunikation, meint Stefan Demming. Fass mich nicht an, sagt der schwarze Lack, und gleichzeitig protzt der Hochmut nach außen und buhlt um Anerkennung aber wenn wir uns die Nasen am dunklen Glas plattdrücken, sehen wir nicht viel. Stefan Demmings Limousine spielt mit der Ironie von Schein und Sein, der Lack ist seidig schwarz, aber das Chassis entspricht nicht ganz dem Ideal von schnittiger Eleganz und turbogeladener PS-Power. Da sind keine undurchsichtigen Privacy-Glasscheiben, die sich vielleicht mal einen Spalt senken, um ein unerreichbar edles Antlitz zu zeigen oder wenigstens eine plüschige Minibar. Statt dessen Türspione. Auch hier drücken wir uns die Nasen platt und bekommen doch nicht viel zu sehen. Ein unbestimmtes Glimmen von Lichtpunkten, nur eine vage Vorstellung von Raum. Sehnsüchtig assoziieren wir vielleicht ein Universum, Sterne, ein Versprechen von Größe und unendlicher Weite, das den Hochmut eventuell sogar rechtfertigt, ein wenig göttlicher Glanz aber vielleicht ist da auch nur eine gähnende Leere mit ein paar Reflexen hinter dem arroganten Auftritt.

Nummer 2: Avaritia – Geiz.
Dietmar Schmale.

Dietmar Schmales Arbeit ist nun wirklich der Gipfel an Knauserigkeit. Er geizt sogar bei der Idee. Er weigert sich, der vorgegebenen Form von Anhänger und Aufbau überhaupt noch etwas hinzuzufügen. Er reproduziert die Form einfach. Und das auch noch klitzeklein. Nicht mehr als einen winzigen Anhänger mit einem winzigen Aufbau gönnt er uns. Auch noch völlig verrostet. Er lässt uns ins Leere laufen. Im ersten Moment denkt der Betrachter, der sich dieser Arbeit nähert: Da fehlt doch was. Erst wenn man einen Blick über die Anhängerbrüstung wirft, entdeckt man Schmales Kunststück, klein, rostig, allein auf weiter Flur. Geiz macht einsam.
(Mehr sag ich nicht dazu, so.)

Nummer 3: Luxuria – Wollust.
Eine Aufgabe für Wiebke Bartsch.

Im Internet gibt es einen Online-Stoffladen, der heißt Wolllust. Ich habe mich nicht weiter damit beschäftigt, aber vielleicht Wiebke Bartsch, denn als unter anderem Textilkünstlerin ist sie hier in ihrem Element. Ihre Interpretation von Luxuria beginnt mit einer Grundierung, die ich nicht anders als ‚Muschirot’ beschreiben kann. Ihrem Wagen hängen vor Geilheit die Zungen heraus, aber es könnte auch eine schlabberige Phantasie sein, sicher nicht für jeden was. Im Wageninneren geht es ans Eingemachte, eine Lusthöhle, in der Penis-Stalagtiten von der Decke wachsen und am Boden Brüste knospen. Das alles ist hübsch plüschig und irgendwie gar nicht so übel. Übel wird es erst, wenn wir uns den Wagen auf einem ostwestfälischen Campingplatz vorstellen, oder eingereiht am billigsten Wohnwagen- Straßenstrich. Obwohl wir in einer extrem sexualisierten Umgebung leben, in der die digitale Revolution uns nicht nur Onlineshops für Wolllust, sondern völlig entgrenzte Angebote für unnennbare Begierden beschert, herrscht in der Gesellschaft eine Atmosphäre zunehmender Prüderie. Diese Atmosphäre einer Triebunterdrückung nährt ein Klima, in dem die Wollust krankhaft und schließlich zur Todsünde werden kann. Bei Wiebke Bartschs wollüstigem Kunstwerk kann man sehen, wie nah Lust und Laster beieinander liegen können.

Nummer 4: Ira – Zorn.
Ein temperamentvolles Los für eine temperamentvolle Beate Passow.

Was ist so schlimm am Zorn? Ist das nicht eine berechtigte Emotion, eine Kraft, aus der heraus positive Energie für Widerstand und Selbstbehauptung, für den Kampf gegen Ungerechtigkeit und Missetaten gewonnen werden kann? Gerade beim Zorn sind es die weiteren Bedeutungsebenen, die diese Todsünde im lateinischen Wort Ira mitführt, die den Abgrund aufmachen: Wut, Jähzorn, Rachsucht. Bei Beate Passow ist Ira kein rotes Tuch, sondern gelb. Und das bereits seit einer Arbeit, die sie schon vor der französischen Protestwelle gemacht hat. Seit dem Beginn der Gelbwestenproteste kann man jedoch sehr gut beobachten, wie Volkszorn kippen kann, wie ein Demonstrationszug aus den Schienen springt und zum wütenden Mob entgleist. Neongel bist eine zornige Farbe und wem die Warnweste passt, der zieht sie sich an. Warnwesten sind Unisize, die passt eigentlich jedem. Und mit einem Mal versammeln sich unter einem Symbol sehr unterschiedliche Meinungen, manche rasend vor Zorn und manche nur noch in affektiver Raserei. Wir sind das Volk klang 2018 auf Dresdens Straßen anders als 1989 in Leipzig.

Beate Passow interpretiert den Zorn hochaktuell und wirft zugleich einen Blick in die Ikonografie der Wut. Aufgedruckt finden wir auf den Gelbwesten einen Blick in die Kunst- und Bildgeschichte bis zur Gegenwart. Pussyriot trifft auf Neonazis, Marlene Dietrich kokettiert mit einem MG, Judith wütet an der Kehle von Holofernes. – Im Wageninneren eine Tapisserie, der Arc de Triomphe im Ausnahmezustand, der auch vor der Zerstörung der eigenen revolutionären Vorbilder nicht halt macht. Dieser wütende Pöbel. Und ich? Wem wäre ich nicht schon gern an die Kehle gegangen?

Nummer 5: Gula – Völlerei.
Peer Christian Stuwe wechselt in die Gastronomie.

Am Gula-Grill vergeht mir echt der Appetit. Damit wäre das nicht die erste Imbissbude, bei der es einem so ergehen kann. Hier geschieht das aber nachhaltig. Es gab eine Zeit, sagt Stuwe, da war die Völlerei durchaus salonfähig. Maßlosigkeit als Zurschaustellung von Wohlstand und Ansehen. Das ist heute nicht anders, allerdings äußert sich das weniger in Fressorgien als in unmäßigem Anhäufen von Reichtümern – übergroße PS-Portionen für übergroße Egos, überfrachtete Aktiendepots, überbewertete Immobilien, überteuerte Kunstauktionen. Dass wir Wohlstandsgesellschaften verfetten, ist dabei nicht das eigentliche Problem. Die Todsünde liegt nicht im Zunehmen, sondern im Abnehmen. Im anderen-Abnehmen, Wegnehmen. Unser selbstsüchtiger Hunger lässt Menschen elend krepieren. Dass es eigentlich nicht nötig wäre, dass genügend Lebensmittel da sind, um alle satt zu machen, hat man schon immer wieder vorgerechnet. Dass der überzogene Fleischkonsum oder Biodiesel direkt Hungersnöte verursachen, weil statt Lebensmitteln Futtermittel und Treibstoffe angebaut werden, auch. Wir wissen das. Aber irgendwie dringt es nicht durch, zu gut funktioniert inzwischen unsere Elends-Firewall. Mit seinem Gula-Grill läuft Peer Stuwe dagegen Sturm. Wie einen Rammbock knallt er mit pinker Polemik uns das ganze Elend vor den Latz. Seine Aufsteller zeigen uns auf der einen Seite die unappetitliche Seite der Völlerei, über die wir uns noch schlank erheben können. Auf der anderen Seite stürzen sie uns in den sündigen Abgrund, den wir mit aller Kraft verdrängen. Aber ob wir diese Bilder anschauen oder wegsehen: Es hilft nichts. Wir sind Teil davon.

Nummer 6: Invidia – Neid.
Katharina Krenkel.

Neid ist ein Krebsgeschwür, das uns innerlich auffrisst. Das gilt für den Neid, den wir fühlen, wie für den Neid, den wir fürchten. Zuerst zersetzt er unsere Wahrnehmung. Wir sehen nicht mehr, was wir schon haben und was wir brauchen. Der neidische Tunnelblick fokussiert nur noch auf das, was andere haben, unabhängig davon, ob wir es selbst überhaupt wollen. Wir neiden es ihnen einfach, weil sie es haben, ihren Besitz, ihre Schönheit oder die Liebe oder Fürsorge, die ihnen entgegengebracht wird. Andersherum können wir uns an dem, was uns wertvoll ist, nicht mehr erfreuen. Wir fürchten uns vor dem Neid der anderen, schauen nur noch darauf, unser Hab und Gut zu schützen und zu bewahren und verbarrikadieren uns in Paranoia.

Katharina Krenkel nimmt vor allem diese paranoide Perspektive auf Ividia ein. Das goldene Objekt der Begierde muss abgeschirmt werden. Ein Anti-Invidianischer Schutzwall muss her, eine hermetische Sperre, durch die nicht Tor noch Tür Einlass gewähren. Wie im Märchen hat Krenkel einen Zauberschild im Muschelgittermuster gehäkelt vom Fleißfaktor ist dies übrigens wohl die tugendhafteste Arbeit unter den hier versammelten Todsünden. Das traditionelle Muschelgittermuster für Fachleute: hier nicht mit fünf, sondern mit sieben doppelten Stäbchen gehäkelt, das Muster jedenfalls hat Krenkel in einem DDR-Handarbeitsbuch gefunden. Wie mit einer Nabelschnur ist dieser Zauberschild mit dem Objekt verbunden. Doch so sehr wir den Neid auch fürchten, wir wollen ihn gleichzeitig auch schüren, und so gewährt die muschelgemusterte Broderie doch den Durchblick, entrückt und überhöht den sündigen Karren sogar. Ist Ihnen übrigens aufgefallen, dass das Gras auf der anderen Seite des Muschelzauns viel grüner ist?

Nummer 7: Acedia – Faulheit.
Kein leichtes Los für Ottmar Hörl.

Faulheit, endlich muß ich dir
Auch ein kleines Loblied bringen!
O!… Wie… sauer… wird es mir
Dich nach Würde zu besingen!
Doch ich will mein Bestes tun:
Nach der Arbeit ist gut ruhn.

Höchstes Gut, wer dich nur hat,
Dessen ungestörtes Leben…
Ach!… ich gähn!… ich… werde matt.
Nun, so magst du mir’s vergeben,
Daß ich dich nicht singen kann:
Du verhinderst mich ja dran.

Damit könnte ich mich jetzt fein faul aus der Affäre ziehen. Tu ich aber nicht. Lob der Faulheit: Der Text ist von Lessing, komponiert hat es Joseph Haydn um 1781; wir hören Hermann Prey singen, wenn wir Ottmar Hörls Werk erklimmen. Außen hat er sich in sein Los ergeben und einfach gar nichts gemacht. Das war schon im Vorfeld der Ausstellung ein beliebter Kalauer: wer die Faulheit zieht, hat das richtige Los gezogen. Drinnen wird es dann deutlicher. Eine Bibliothek der Faulheit, in der man relaxed schmökern kann; einen Moment möchte man glauben, Acedia sei Arkadien, aber eigentlich denke ich, dass Acedia die schlimmste aller Todsünden ist. Nicht allein ist Acedia die Faulheit, sie ist auch Ignoranz und Feigheit, vor allem ist sie die Trägheit des Herzens, die Teilnahmslosigkeit. Und damit das Grundlaster, auf dem alle anderen Todsünden aufsitzen.

Ein Booster mit klassischem Gesang, ein Stapel Bücher, ein Klappstuhl. So gesehen ist Hörls Interpretation doch eher ein Loblied, wie Lessing es angedichtet, aber aus Faulheit nicht zu Ende geführt hat. Wahrlich eine entspannte Arbeit, die sich jedoch eines originellen Spannungspunktes befleißigt, ein i-Tüpfelchen, das man vor lauter Trägheit fast übersieht: An der Decke ist der Kern eines Hornissennestes angeheftet. Hier nistet gewöhnlich die Hornissenkönigin, die Alleinherrscherin, die sich faul und dekadent in ihrem Gemach von ihrem Volk versorgen lässt und teilnahmslos vor sich hin brütet. Was für ein Leben! Insektenforscher werden jetzt widersprechen, aber hier geht es ums Bild.

Sieben Sünden, sieben Kunstkarren. Sieben Künstler*innen, die uns mit ihrer Interpretation der Todsünden konfrontieren, uns darin die Ambivalenz unseres Wesens unter die Nase reiben, der wir uns, wenn wir denn ehrlich sind, nicht entziehen können. Wenn wir Menschen solche Sünder sind, was bleibt uns denn dann eigentlich zu hoffen? Was bleibt, dass wir nicht vollends die Achtung vor unsere eigenen Spezies verlieren, dass wir uns im positiven Sinn als Mensch empfinden dürfen? Vielleicht, dass wir in der Mehrheit, davon bin ich überzeugt, es doch wenigstens immer wieder versuchen, uns über unsere Sündhaftigkeit zu erheben. Und unser Humor Den haben auch die Künstler*innen in diesem Projekt über die Todsünden nicht verloren. Damit helfen sie uns und sich selbst über das Schlimmste hinweg. Auch wenn es nicht immer was zu lachen gibt.